Madeleine Burkowsky – Frauen- und Kinderschutzhaus Leipzig

Wir feiern heute Frauen und Flinta. Unsere Stärke, unsere Solidarität, unsere Kämpfe. Aber wir müssen heute auch über etwas sprechen, das viele Frauen und Flinta täglich bedroht: Und das ist die Gewalt, die sie in ihrem eigenen zu Hause, in den eigenen vier Wänden oder in ihrem sozialen Nahraum erfahren. Denn Gewalt gegen Frauen und Flinta ist kein Randproblem. Sie passiert mitten in unserer Gesellschaft. Jeden Tag. Auch hier in Leipzig. Das Hilfesystem für von Gewalt bedrohte oder betroffene Frauen und ihre Kinder umfasst in Leipzig aktuell fünf Schutzeinrichtungen. Seit 2021 gehört auch die Zentrale Sofortaufnahme der Frauen*- und Kinderschutzhäuser dazu. Dieses Schutzhaus war ein wichtiger Fortschritt.
Es entstand, weil klar war: In einer Großstadt wie Leipzig reichen allein mehr Frauenhausbetten nicht aus. Das Hilfesystem für von Gewalt bedrohte oder betroffene Frauen* und FLINTA muss verbessert werden. Vor allem der Zugang zum Hilfesystem muss schneller und einfacher möglich sein.
Was genau hat sich 2021 mit der Zentralen Sofortaufnahme verändert? Zum ersten Mal gab es eine zentrale Telefonnummer für Leipzig.
Frauen* mussten nicht mehr verzweifelt ein Frauenhaus nach dem anderen abtelefonieren, während sie gerade mit ihren Kindern vor Gewalt fliehen oder einen kurzen unbeobachteten Moment zum Telefonieren nutzen können. Wobei fraglich ist wie viele Frauen* überhaupt ein zweites, drittes, viertes, fünftes Mal zum Telefon greifen. Zum ersten Mal gab es die Möglichkeit eines kostenfreien Schutzes. Ein Schutzhaus in dem keine Nutzungsentgelte in Rechnung gestellt werden müssen. Und zum ersten Mal gab es ein Schutzhaus, in dem Fachkräfte auch abends, an Wochenenden und Feiertagen vor Ort waren — und nicht nur telefonisch erreichbar. Denn die ersten Tage nach dem Einzug in ein Frauen*- und Kinderschutzhaus sind häufig die krisenhaftesten. Angst. Scham. Schlaflosigkeit. Panik. Unsicherheit. Fragen. Da ist die Hürde zum Telefon zu Greifen und eine Rufbereitschaft zu kontaktieren noch zu groß.
Da braucht es Menschen vor Ort, die zuhören, begleiten, Maßnahmen zum Schutz besprechen. Die Zentrale Sofortaufnahme war außerdem ein Schutzraum für Frauen und Flinta, die in den bestehenden Schutzhäusern häufig keinen Platz finden: Frauen* mit psychischen Auffälligkeiten, Suchterkrankungen oder einem höheren Unterstützungsbedarf. Dieses Schutzhaus, das 2021 als Modellprojekt gestartet ist, war kein Luxus.
Es war eine notwendige Antwort auf reale Gewalt und bestehende Barrieren, die Frauen* und FLINTA den Zugang zum Hilfesystem erschweren. Am 21. April dieses Jahres gab das Sozialministerium in einer Pressemitteilung bekannt, dass Sachsen das erste Bundesland ist, das die Vorgaben des Bundes im Rahmen des 2025 beschlossenen Gewalthilfegesetzes in Landesrecht umsetzt. Mit der Umsetzung der Vorgaben des Bundes würde Sachsen den Weg zum Schutz aller Betroffenen von geschlechtsspezifischer und häuslicher Gewalt ebnen. Und weiter: Ziel des Gesetzesentwurfs ist es den Betroffenen ein bedarfsgerechtes und flächendeckendes Hilfesystem zur Verfügung zu stellen. Was in der Pressemitteilung allerdings nicht erwähnt wird, ist ein Schreiben desselben Sozialministeriums, dass uns im Februar dieses Jahres erreicht hat und in dem uns mitgeteilt wurde, dass das Modellprojekt Zentrale Sofortaufnahme zum 30.06. beendet wird. „Aufgrund einer zu Jahresbeginn erfolgten Bewirtschaftungsmaßnahme im Sächsischen Staatsministerium stünden dem Gewaltschutz ca. 10 Prozent weniger Ausgabemittel zur Verfügung, wodurch die Beendigung des Modellprojekts unumgänglich bereits zum 30.06. zu realisieren sei.“ Das Ministerium argumentiert, dass sich für Leipzig nichts ändern würde. Die sechs Schutzplätze würden erhalten bleiben. Sie befinden sich künftig nur unter dem Dach des 4. Frauen*- und Kinderschutzhauses. Das Frauen*FLINTA Festival steht dieses Jahr unter dem Motto: Es gibt kein Zurück. Ohne uns keine Zukunft. An dieser Stelle erleben wir leider doch einen Rückschritt. Einen Schritt zurück ins Jahr 2021. In ein Hilfesystem ohne Zentrale Sofortaufnahme. Ohne zentrale Rufnummer, ohne schnelleren Zugang zum Hilfesystem. Ab sofort heißt es wieder:
Frauen* müssen sich auf der Suche nach einem Frauenhausplatz durchtelefonieren. Frauen* müssen ab dem ersten Tag wieder Nutzungsentgelte zahlen.
Frauen sind nachts und an den Wochenenden allein in den Frauen- und Kinderschutzhäusern.
Und FLINTA mit Mehrbedarfen fallen erneut durch das Hilfesystem. Die Umsetzung des Gewalthilfegesetzes in Sachsen soll ein bedarfsgerechtes und flächendeckendes Hilfesystem zum Ziel haben und gleichzeitig schließt das Sozialministerium das einzige Schutzhaus in Sachsen, das von Gewalt betroffenen Frauen* und ihren Kindern einen niedrigschwelligeren Zugang zum Hilfesystem ermöglicht hat. Parallel heißt es gegenüber den Fachkräften in den Frauen*- und Kinderschutzhäusern, dass wir uns mit den bestehenden Ressourcen kreative Lösungen einfallen lassen sollen wie der Zugang zum Hilfesystem allen von Gewalt betroffenen Frauen* und FLINTA ermöglicht werden kann. Außerdem will das Ministerium ab 2027 eine landesweite Telefonzentrale schaffen, die die Fachkräfte bei der Vermittlung eines Frauenhausplatzes unterstützen soll, wenn in dem zuerst kontaktierten Frauenhaus kein freies Zimmer zur Verfügung steht. Doch wir Fachkräfte wissen: Das Problem ist nicht, dass wir unfähig sind eine Telefonnummer rauszusuchen. Das Problem ist, dass Schutzplätze fehlen und insbesondere Schutzplätze für Frauen und FLINTA, die nicht selbstständig für sich sorgen können, psychische Auffälligkeiten oder eine Suchterkrankung haben. Deutschlandweit fehlen etwa 14.000 Frauenhausplätze. In Sachsen fehlen ca. 200 Schutzplätze. Und während das Gewalthilfegesetz ab 2032 einen Rechtsanspruch für von Gewalt betroffene Frauen und ihre Kinder sichert, plant Sachsen bis 2028 den Ausbau von 19 weiteren Zimmern. 19 Zimmer. In zwei Jahren. Für ganz Sachsen. Das reicht nicht.
Nicht für die Frauen. Nicht für die Kinder. Nicht für die Realität dieser Gewalt. Deshalb dürfen wir nicht schweigen. Gewaltschutz ist keine freiwillige Sozialleistung. Gewaltschutz ist ein Menschenrecht. Jede Frau/FLINTA muss die Möglichkeit haben, Schutz zu finden — unabhängig von Einkommen, Herkunft, psychischer Verfassung oder Suchterkrankung. Und jede politische Entscheidung, die diesen Zugang erschwert, gefährdet Frauen* und Kinder. Deshalb stehen wir heute hier.
Nicht nur zum Feiern.
Sondern auch zum Sichtbarmachen und zum Lautsein. Damit FLINTA und ihre Kinder, die einen Schutzplatz oder Beratung benötigen, diese auch erhalten.
Vielen Dank.

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Shahrzad Shojaee 

Liebe Frauen, Liebe Mitstreitern!
Heute stehe ich hier nicht nur als Rednerin, sondern als eine Frau, deren Leben und Träume grenzenlos an anderen Orten verwurzelt sind Mehr noch: Ich bin heute hier, um im Namen aller Frauen zu sprechen, deren Stimmen diese Bühne heute nicht erreichen können. Ich spreche für die Frauen in Afghanistan, denen das Recht auf Leben und Bildung entzogen wurde Ich rede für die Frauen im Nahen Osten und in Afrika, die im Krieg geschändet werden und für das einfache Überleben einen hohen Preis zahlen müssen Ich rede für meine Schwestern im Iran, deren Alltag zu einem täglichen Kampf gegen die Tyrannei geworden istDie Freude und das Lächeln haben sie seit 47 Jahren verlassen. Wir sind heute hier, um über unsere Macht zu sprechenÜber die Macht der Frauen, die ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen möchten. Diese Frauen kämpfen für die Änderung alter, konservativer Strukturen – vom eigenen Zuhause bis in alle Ebenen der Gesellschaft. Es muss möglich sein, dass eine Frau ohne Angst vor Übergriffen auf die Straße gehen kann. Wir haben gelernt, dass der Zusammenhalt der Frauen die stärkste Waffe auf dem Weg zur Freiheit ist…  Jedes Mal, wenn wir angesichts der Gewalt gegen eine Gruppe von Frauen schweigen und wegschauen, verraten wir uns selbst und führen unsere eigene Niederlage herbei Unsere Schwäche war schon immer gefährlicher als die Unterdrückung durch den Feind. Jetzt weht der frische Wind der VeränderungIn den jüngsten Bewegungen – von Kabul bis Teheran, von Afrika bis Südamerika – haben wir gesehen, wie verschiedene Schichten der Gesellschaft die Welt erschüttern können, wenn sie sich für ein gemeinsames Ziel vereinen. Doch lassen Sie mich offen sprechen: Dieser Weg ist nur durch unseren Zusammenhalt und die echte Unterstützung der Weltgemeinschaft möglich. Totalitäre Regime konnten nur im Schatten der Gleichgültigkeit und der politischen Zweckmäßigkeit an der Macht bleiben Ich frage Euch: Wenn die Welt zu den Verbrechen der Nazis geschwiegen hätte, wo würden wir heute in der Geschichte stehen? Diejenigen, die billiges Benzin und Handelsinteressen dem Blut der Jugend und der Freiheit der Frauen vorziehen – welche Antwort werden sie morgen haben? Die Welt von heute braucht kein Gratis-Benzin, das mit dem Blut unterdrückter Völker erkauft wird; sie braucht Frieden und Gerechtigkeit, die keine Grenzen kennen. Wir sind Wege gegangen, die uns schmerzhafte Überwindung gekostet haben. Wir sind erschöpft, aber wir stehen aufrecht – und heute brauchen wir echte globale Unterstützung. Bitte, verstehen Sie unseren Schmerz und unseren Zorn! Eine bessere Welt ist kein Ort, an dem Unterschiede verschwunden sind. Es ist ein Ort, an dem „geografische Differenz“ kein Freifahrtschein für das Schweigen der Masse ist. Unsere Vielfalt wird erst dann zur Macht, wenn wir lernen, unsere Unterschiede nicht als Grenzen, sondern als verschiedene Bollwerke in einem gemeinsamen Kampf zu begreifen. Als Frauen mit unterschiedlichen Hintergründen sind wir die Architektinnen dieser neuen Welt. Wir sind die Schöpferinnen des Lebens. Wir dürfen nicht zulassen, dass unterschiedliche Identitäten oder politische Grenzen uns trennen. Stattdessen müssen wir diese Vielfalt als Werkzeug nutzen, um ein tieferes und besseres Verständnis von Gerechtigkeit zu erlangen und gegen jede Form von Tyrannei und Patriarchat zu kämpfen Lassen Sie uns heute gemeinsam schwören, dass niemand von uns auf diesem Weg allein bleibt. Lassen Sie nicht zu, dass Merkmale wie Akzent, Hautfarbe oder Nationalität uns davon abhalten, einander die Hand zu reichen Ich bitte Sie: Schauen Sie die Person an, die neben Ihnen steht. Vielleicht kommt sie aus einem anderen Land, aber ihr Herz schlägt für dieselbe Gerechtigkeit, nach der auch Sie streben. Die menschliche Solidarität kennt keine Grenzen. Nur zusammen sind wir stark. Gegen eine so starke, bewegende Welle kann keine Mauer standhalten.. Unsere Vielfalt ist unsere Stärke Unsere Einheit ist unser Sieg  Lasst uns vereint bleiben!

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