Begrüßung von Dr. Skadi Jennicke – Kulturbürgermeisterin der Stadt Leipzig

Ich freu mich, so viele engagierte Frauen hier auf dem Markt zu sehen. Und das kreative Angebot beim diesjährigen Festival! 
Aber das Frauen*FLINTA Festival ist weit mehr als Kulturprogramm. Und auch Kultur ist nie neutral. Sie entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie wächst aus den Bildern, Regeln und Erwartungen, mit denen wir aufwachsen. Daraus, wer gehört wird. Wer auf Bühnen steht. Wessen Bücher veröffentlicht werden. Und wessen Arbeit selbstverständlich mitgedacht wird – oder eben nicht.

Kultur kann aber auch etwas anderes: Sie kann zeigen, wie Menschen wirklich leben. Sie kann Geschichten sichtbar machen, die lange übersehen wurden. Und sie kann Vorstellungen davon entwickeln, wie eine gerechtere Gesellschaft aussehen könnte.
Über Jahrhunderte hinweg wurde Geschichte vor allem von Männern erzählt. Viele Leistungen von Frauen wurden verdrängt, kleingeredet oder Männern zugeschrieben. Ein bekanntes Beispiel aus der Kulturgeschichte ist Clara Schumann. Sie war eine der bedeutendsten Pianistinnen des 19. Jahrhunderts, international gefeiert und hochprofessionell tätig. Gleichzeitig wurde sie lange vor allem als „Ehefrau von Robert Schumann“ wahrgenommen – obwohl sie selbst Konzerte in ganz Europa spielte, Werke komponierte und das Musikleben ihrer Zeit entscheidend geprägt hat.  Solche Geschichten gibt es in Wissenschaft, Kunst, Politik und Alltag immer wieder. Sie zeigen: wer Geschichte deutet und schreibt, bestimmt darüber, wessen Name bleibt. Und zu oft gehen Frauennamen auf diesem Weg verloren.
Und dabei hat gerade Leipzig eine Geschichte, die von Frauen geprägt ist, die sich eingemischt haben.

Hier wirkte Louise Otto-Peters, eine der wichtigsten Stimmen der frühen Frauenbewegung. Zusammen mit Auguste Schmidt kämpfte sie dafür, dass Frauen Bildung, politische Mitsprache und eigene wirtschaftliche Perspektiven bekommen. Damals war das alles andere als selbstverständlich.
Hier organisierten sich Arbeiterinnen in Vereinen, um bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Frauen kämpften für das Wahlrecht, das in Deutschland erst 1918 eingeführt wurde. Das klingt heute weit weg. Aber man muss sich klarmachen: Unsere Urgroßmütter durften nicht einmal mitentscheiden, wer dieses Land regiert.
Auch im Widerstand gegen den Nationalsozialismus waren Frauen aktiv. Die Leipziger Meuten, jugendliche Gruppen, die sich der Hitlerjugend verweigerten, wären ohne mutige junge Frauen nicht denkbar gewesen. Viele riskierten Ausgrenzung, Verhaftung oder Schlimmeres, weil sie nicht bereit waren, sich anzupassen.
Und auch 1989 waren Frauen Teil der Friedlichen Revolution. Sie organisierten Gesprächskreise, halfen in Kirchgemeinden und hielten soziale Netzwerke zusammen, oft ohne später im Mittelpunkt der Erzählungen zu stehen.
Bis heute tragen Frauen das kulturelle und soziale Leben dieser Stadt – in Vereinen, Jugendclubs, Nachbarschaftsinitiativen, Beratungsstellen, Theatern, Schulen oder Kulturhäusern. Oft schlecht bezahlt. Oft ehrenamtlich. Oft zusätzlich zu Erwerbsarbeit und Care-Arbeit.

Und trotzdem erleben wir gerade einen Gegenwind.

Errungenschaften, die lange selbstverständlich schienen, werden wieder infrage gestellt. Gleichstellungspolitik wird schnell als „Ideologie“ abgetan. Wer über Sexismus, ungleiche Bezahlung oder Gewalt spricht, wird häufig belächelt oder aggressiv angegriffen. Das erleben Politikerinnen, Journalistinnen, Wissenschaftlerinnen und Aktivistinnen jeden Tag – online wie offline.

Am deutlichsten zeigt sich das bei Gewalt gegen Frauen.
Jedes Jahr werden auch in Deutschland Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern verletzt oder getötet, weil Männer glauben, Kontrolle über ihr Leben zu haben. Hinter dem Begriff Femizid stehen keine abstrakten Zahlen, sondern zerstörte Leben, Familien und Freundeskreise.

Auch Leipzig ist davon nicht ausgenommen. Deshalb ist das geplante Denkmal für Opfer von Femiziden in der Kolonnadenstraße, initiiert vom PHIA e.V., so wichtig. Es schafft einen Ort des Erinnerns – aber auch einen Ort der öffentlichen Verantwortung. Gewalt verschwindet nicht, wenn man nicht darüber spricht.
Die Frage ist also nicht, ob wir feministische Räume noch brauchen. Wir brauchen Orte, an denen Frauen sich vernetzen, unterstützen und sichtbar bleiben können. Orte für Kunst, Diskussion und Streit. Orte, an denen Mädchen erleben, dass ihre Stimme zählt. Orte, an denen Solidarität praktisch wird.

Was heißt das konkret?
Dass Frauenhäuser ausreichend finanziert werden müssen.
Dass Sorgearbeit gerechter verteilt wird.
Dass Kulturarbeit nicht ständig am Limit arbeiten muss.
Dass Mädchen und Frauen sicher leben können – nachts auf der Straße, zuhause und im Netz.
Und dass Gleichberechtigung nicht als Nebenthema behandelt wird, sondern als Frage von Demokratie.
Dieses Festival kann dafür kein Endpunkt sein. Aber es kann ein Anfang sein für Gespräche, Begegnungen und neue Bündnisse.

Bleiben wir sichtbar.
Bleiben wir unbequem, wenn es nötig ist.
Und bleiben wir solidarisch miteinander.

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Mandy Uhlig – Referatsleitung und Kommunale Gleichstellungsbeauftragte

Liebe Leipzigerinnen,
liebe Gäste, liebe Künstler
innen, liebe Engagierte,
liebe Frauen, FLINTA* und Verbündete,
herzlich willkommen.

Es ist ein besonderes Gefühl, heute hier gemeinsam mit so vielen Menschen zusammenzukommen. Menschen, die vielleicht aus Leipzig kommen, vielleicht extra angereist sind, Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten, Erfahrungen und Perspektiven — und die trotzdem etwas verbindet: der Wunsch nach einer gerechteren, solidarischeren und menschlicheren Gesellschaft. 
Denn gerade nach den Ereignissen vom 4. Mai, nicht weit von hier, spüren viele Menschen vielleicht noch stärker, wie wichtig Zusammenhalt, gegenseitige Rücksicht und Solidarität in unserer Stadt sind. Und ich glaube, wir brauchen gerade jetzt genau solche Orte wie diesen hier: Orte, an denen Menschen zusammenkommen, an denen wir einander zuhören. Räume, an denen Unterschiedlichkeit nicht trennt, sondern verbindet.

Das diesjährige Festival steht unter einem kraftvollen Motto:
„Es gibt kein Zurück! Ohne uns keine Zukunft!“

Diese Sätze klingen entschlossen. Widerständig.
Fast wie ein kollektiver Zuruf gegen das Gefühl, wieder unsichtbar gemacht oder zurückgedrängt zu werden. „Es gibt kein Zurück“ — das ist auch die klare Absage an die Vorstellung, dass Gleichstellung, Vielfalt und Selbstbestimmung verhandelbare Nebensachen wären. In diesem Satz höre ich einen Trotz heraus: Trotz Erschöpfung, Sorge, manchmal sogar Verzweiflung angesichts gesellschaftlicher Rückschritte und antifeministischer Angriffe, gibt es kein zurück!
Wir werden nicht weichen.
Nicht leiser werden.
Wir werden nie wieder unsichtbar werden.
Und der zweite Teil des Mottos macht etwas ganz Entscheidendes deutlich:
„Ohne uns keine Zukunft.“
Denn Zukunft entsteht nicht durch Ausgrenzung.
Nicht durch Rückschritte.
Nicht durch ein vermeintlich schönes Gestern, in dem bestimmte Perspektiven wieder an den Rand gedrängt, unsichtbar gemacht oder zum Schweigen gebracht werden. Zukunft entsteht nur gemeinsam.

viele Menschen erleben derzeit beides gleichzeitig:
Fortschritt — und Gegenreaktionen.
Auf der einen Seite sehen wir mehr Sichtbarkeit, mehr öffentliche Debatten über Gleichstellung, geschlechtliche Vielfalt, Care-Arbeit oder Gewalt gegen Frauen.
Und gleichzeitig erleben wir antifeministische Angriffe, Queerfeindlichkeit und den Versuch, gesellschaftliche Fortschritte wieder zurückzudrängen.
Historisch war das leider oft so:
Fortschritte lösen Gegenbewegungen aus. 
Nicht, weil Gleichstellung „zu weit gegangen“ wäre, weil wir zu viel wollten, zu laut waren oder zu viel Raum einnahmen — sondern weil sich Machtverhältnisse verschieben. Weil sichtbar wird, was lange unsichtbar gemacht wurde. Weil Menschen anfangen, ihre Stimme zu erheben und nicht mehr bereit sind, sich mit Ungleichheit abzufinden.

Es erinnert uns daran, dass gesellschaftlicher Wandel niemals von allein entsteht — sondern immer durch Menschen, die den Mut haben, sich hinzustellen, ihr Gesicht zu zeigen und für eine Sache einzustehen, die Dinge infrage zu stellen und neue Räume zu öffnen. 
Als Kommunale Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Leipzig erlebe ich immer wieder, wie wichtig genau diese Räume sind.
Ich sehe, wie viele Menschen sich in dieser Stadt engagieren — oft mit enormer Kraft, mit Kreativität, mit Beharrlichkeit und manchmal auch gegen Widerstände.
Und ich sehe gleichzeitig, dass Gleichstellung keine abstrakte Debatte ist. Sie entscheidet ganz konkret über Lebensrealitäten.

Darüber, wer sichtbar wird.
Wer gehört wird.
Wer Schutz erhält.
Wer politische Teilhabe erfährt.
Und wer weiterhin strukturell benachteiligt wird.

Wenn bei sozialen Angeboten und staatlichen Unterstützungsleistungen gekürzt wird, wenn Schutzstrukturen unter Druck geraten, wenn Beratungsangebote um ihre Finanzierung kämpfen müssen, dann betrifft das eben nicht alle Menschen gleichermaßen. Es trifft besonders häufig Frauen, Alleinerziehende, queere Menschen, Menschen mit Behinderungen, Menschen mit Fluchterfahrung oder Menschen mit geringem Einkommen.
Und hier passiert aus meiner Sicht gerade etwas Gefährliches:
Autoritäre und antifeministische Bewegungen gewinnen nicht nur über Ideologien — sondern auch dort, wo Menschen erschöpft, verunsichert oder enttäuscht sind.
Denn demokratische Teilhabe braucht Zeit, Kraft und das Gefühl, gesehen zu werden. Und genau dort setzen rechte Bewegungen zunehmend an — auch gezielt bei Frauen, etwa über Sicherheitsversprechen, Familienbilder oder das Gefühl politischer Entfremdung.
Wir müssen uns umso mehr bewusst machen: Feminismus ist kein Feminismus, wenn er nicht alle miteinschließt.
Das heißt soziale Teilhabe, Schutz, Sichtbarkeit, finanzielle Sicherheit und Zeit sowie gerechte Chancen für alle —
unabhängig von Herkunft, Einkommen, Behinderung, Alter, geschlechtlicher Identität oder sexueller Orientierung.

Echte Gleichstellungspolitik ist deshalb immer auch Demokratiepolitik.
Sie bedeutet nicht Sonderbehandlung.
Sie bedeutet, ungleiche Ausgangslagen ernst zu nehmen —
und Verantwortung dafür zu übernehmen, dass Teilhabe für alle möglich wird. Gleichzeitig möchte ich heute nicht nur über Probleme sprechen.
Denn dieses Festival steht auch für Mut, Kreativität und Widerstandskraft. Es geht auch darum, Erfolge sichtbar zu machen:
Dass Gewalt gegen Frauen heute nicht mehr einfach verschwiegen werden kann.
Dass queere Communities Räume geschaffen haben, die früher undenkbar gewesen wären.
Dass intersektionale Perspektiven stärker mitgedacht werden.
Und dass immer mehr Männer beginnen, über Männlichkeitsbilder, Verantwortung und Gewaltprävention zu sprechen.
1992 fand hier in Leipzig der erste Christopher Street Day Ostdeutschlands statt — mit einer kleinen Gruppe von Menschen vor der Moritzbastei. Heute gehen tausende Menschen auf die Straße.
Auch das zeigt:
Gesellschaftlicher Wandel beginnt selten laut.
Aber er beginnt dort, wo Menschen sichtbar werden und sich zusammenschließen.

Das alles entsteht nicht zufällig.
Dahinter stehen Menschen, die seit Jahren organisieren, vernetzen, diskutieren, widersprechen, unterstützen, auffangen und immer wieder neue Räume schaffen. Ich kann Sie nur ermutigen, einige dieser Menschen und die Vereine dort hinten an den Ständen zu treffen und kennenzulernen. Sie setzen sich tagtäglich dafür ein, dass Leipzig gerechter wird für Frauen und queere Personen.
Und genau dafür möchte ich heute von Herzen Danke sagen.
Danke an alle, die Räume schaffen, in denen Menschen sich sicher fühlen können.
Und danke an alle, die trotz Erschöpfung, trotz Gegenwind und trotz gesellschaftlicher Rückschläge weitermachen.
Denn genau dieses Engagement hält unsere Demokratie lebendig.
Und vielleicht ist das heute die wichtigste Botschaft:
Wir müssen diese Kämpfe nicht allein führen.

Es gibt diesen Satz:
„Wenn ich weiter gesehen habe, dann deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesinnen stand.“
Viele der Rechte, Freiheiten und Räume, die heute selbstverständlich wirken, wurden von Menschen vor uns erkämpft — oft gegen massive Widerstände.
Und das Besondere heute ist:
Diese Riesinnen sind keine abstrakten historischen Figuren.
Sie stehen mitten unter uns auf diesem Platz.
Es sind die Frauen, FLINTA*, Aktivistinnen, Künstlerinnen, Beratenden, Organisator*innen und Verbündeten, die seit Jahren und Jahrzehnten für ein feministisches, solidarisches und gerechteres Leipzig kämpfen.
Menschen, die Strukturen aufgebaut haben.
Die Schutzräume geschaffen haben.
Die laut geworden sind, als andere noch schwiegen.
Die füreinander eingestanden sind.
Und die damit den Weg für viele von uns erst möglich gemacht haben.
Darauf können wir stolz sein.
Und genau deshalb dürfen wir den Mut nicht verlieren.
Nicht angesichts von Gegenwind.
Nicht angesichts antifeministischer Angriffe.
Und nicht angesichts gesellschaftlicher Verunsicherung.
Denn Fortschritt war nie geradlinig.
Aber er war immer das Ergebnis von Menschen, die sich zusammengeschlossen haben und gesagt haben:

Wir machen weiter.
Mutig.
Solidarisch.
Und gemeinsam.

Ich wünsche Ihnen allen ein wunderbares Frauen- und FLINTA-Festival!
Vielen Dank.

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Sophie Koch – Queerbeauftragte der Bundesregierung

Liebe Gäst*innen des Siebenten Leipziger FrauenFLINTA*Festivals,

„Es gibt kein Zurück! Ohne uns keine Zukunft!“ — dieses Motto ist kraftvoll. Und hochaktuell. Wir erleben gerade, wie Errungenschaften, die viele Menschen über Jahrzehnte erkämpft haben, wieder infrage gestellt werden: Gleichstellungspolitik, sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung, Schutz vor Gewalt, gesellschaftliche Teilhabe. Antifeminismus, Queerfeindlichkeit und autoritäre Ideologien treten wieder lauter und aggressiver auf — auch mitten in unserer Gesellschaft. Deshalb braucht es Orte wie dieses Festival. Orte der Sichtbarkeit. Der Solidarität. Der Kunst und Kultur. Aber auch Orte der politischen Haltung. Denn Feminismus ist kein Randthema. Der Einsatz für die Rechte von Frauen, trans*, inter* und nichtbinären Personen ist ein Einsatz für Demokratie, Menschenrechte und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Besonders wichtig finde ich die klare solidarische Haltung eures Manifests: gegen patriarchale Gewalt, gegen Ausgrenzung und gegen das Gegeneinander-Ausspielen von Menschen. Unsere Gesellschaft wird nicht stärker, wenn einzelne Gruppen weniger Rechte haben. Sie wird stärker, wenn alle Menschen sicher, sichtbar und selbstbestimmt leben können. Gerade in Zeiten von Krisen, Kriegen und gesellschaftlicher Verunsicherung brauchen wir Bündnisse. Wir brauchen Menschen, die laut bleiben. Die widersprechen, wenn Hass normalisiert wird. Und die füreinander einstehen. Dass ihr heute so viele Perspektiven, Erfahrungen und Stimmen zusammenbringt, ist deshalb ein wichtiges Zeichen. Ich danke allen Organisatorinnen, Künstlerinnen, Initiativen und Ehrenamtlichen, die dieses Festival möglich machen. Und ich danke allen, die jeden Tag für Gleichberechtigung, Respekt und ein Leben ohne Angst kämpfen — oft auch gegen Widerstände. Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass es kein Zurück gibt. Sondern mehr Freiheit, mehr Sicherheit und mehr Gerechtigkeit für alle. Ich wünsche euch ein starkes, solidarisches und inspirierendes Festival.

Herzliche Grüße
Eure Sophie Koch
Queerbeauftragte der Bundesregierung